Mit dem Rad durch die Grenzregion: Die dritte Tour des Guten Alterns

1. September 2026
1. September 2026
Eine Woche entlang von Oder und Neiße, Gespräche in Pflegeschulen, Rathäusern, Sozialunternehmen und an Hostel-Küchentischen: Zum dritten Mal war die Tour des guten Alterns unterwegs. Ein Rückblick, berichtet von Erik Hofedank.

Die Idee unserer Tour ist einfach: nicht über die Menschen und die Region reden, sondern gemeinsam mit ihnen hindurchfahren. Wer mit dem Rad unterwegs ist, kommt zwar langsamer voran, sieht aber mehr und kommt leichter ins Gespräch. Genau darum ging es uns auch in diesem Jahr.

Montag: Frankfurt (Oder) und Brieskow-Finkenheerd

Unser Auftaktgespräch führte uns, gemeinsam mit dem Deutsch-Polnischen Gesundheits- und Sozialverband (DPGSV), direkt zwischen die Mensa der Viadrina und die Grenzbrücke. Wir blickten auf das, was uns in den kommenden Tagen erwarten würde, und lernten uns kennen.

Von dort ging es zu unserer ersten Station nach Brieskow-Finkenheerd, in die Pflegeschule der Akademie der Gesundheit. Im Gespräch mit Schulleiterin Julia Kucher, Bürgermeister Horst Siebke und Marlies Nietzel vom Seniorenbeirat zeigte sich deutlich, wie viel hier an einzelnen Engagierten hängt und wie eng Ausbildung, Kommune und Seniorenvertretung zusammenarbeiten.

Im Anschluss ging es weiter nach Eisenhüttenstadt, um dort in der Anfangsphase der DDR errichteten Innenstadt zu übernachten.

Dienstag: Ratzdorf, Guben und Brody

Mit einem kurzen Zwischenstopp an der Kajüte in Ratzdorf ging es am Dienstag auf insgesamt 50 km weiter in den Spree-Neiße-Kreis nach Guben. Hier wartete bereits ein Team vom rbb-Fernsehen und Radio auf uns, um Berichte für ihre Programme über unsere Tour zu verfassen.

Das 2023 fertiggestellte Pflegefachzentrum Hegelquartier ist in der denkmalgeschützten, komplett umgebauten ehemaligen Wilhelm-Pieck-Schule untergebracht. Geschäftsführer Dr. Martin Reiher und Einrichtungsleiterin Christin Franzke führten uns durch das Haus. Rund 30 Millionen Euro wurden hier investiert – mit dem Ergebnis von 82 Pflegeplätzen, 18 barrierefreien Wohnungen im betreuten Wohnen und 24 Plätzen in der Tagespflege, alles unter einem Dach. Besonders das neue Restaurant „Wilhelm“ beeindruckt, das sich mitten in dem Gebäudekomplex befindet und ein lebendiges Zentrum für Gubener:innen aller Generationen geworden ist.

Über die deutsch-polnische Grenze ging es auf der letzten Etappenach Brody, wo Christian Lombardt und Enrico Triebel vom DPGSV von ihrem zweijährigen Werkstattprojekt AGEPOL und von der Idee einer deutsch-polnischen Gesundheitsregion berichteten. Die Nacht verbrachten wir im Schloss Brody.

Mittwoch: Forst, Bad Muskau und Przewóz

In Forst führte uns Stephan Tesarz von der Hoffbauer Stiftung durch das Pflegezentrum am Berliner Platz, mit betreutem Wohnen und zwei demenzsensiblen Wohngemeinschaften. Im selben Gebäude sind auch ein Nachbarschaftstreff und ein Bäcker mit Café untergebracht, wo Bewohnerinnen und Bewohner ihre Geburtstage feiern können. Solche Details sind, genau wie in Guben, keine Nebensache: Sie entscheiden mit darüber, ob ein Haus Teil der Stadtgesellschaft ist und soziale Eingebundenheit gelingt.

Kurz hinter der brandenburgisch-sächsischen Landesgrenze blieb nur ein kurzer Zwischenstopp imSchlosscaféim Fürst-Pückler-Park.

Nach insgesamt 70 kmerreichten wir am Abenddas Bike-Hostel in Przewóz. Inhaber Andrzej Stawicki erzählte uns nach dem Abendessen vom Gesundheits- und Pflegesystem in Polen. Anschließend schauten wir gemeinsam die Dokumentation „Gammeloase“ über eine etwas andere Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz.

Donnerstag: Kulturinsel Einsiedel und Görlitz

An diesem Tag ging es auf ca. 60 km durch den deutsch-polnischen Grenzraum, mit einem kurzen Zwischenstopp auf der Kulturinsel Einsiedel, weiter nach Görlitz. In der schlesischen Stadt nahmen wir an der Deutsch-Polnischen Vernetzungskonferenz des DPGSV teil. Dort wurde sichzweisprachig ausgetauscht, wie sich die Gesundheitssysteme beidseits der Grenze enger miteinander verbinden lassen.

Übernachtet haben wir anschließendim Garagenhostel des Kühlhaus Görlitz, wo Camping auf Industriekultur trifft.

Freitag: Podcast, AAL-Labor und PFS Görlitz

Am Freitag besuchte uns Jan Schilling, der als Akustiker gemeinsam mit der Praxisforschungsstelle Cottbus/Chóśebuz den Podcast „Zukunft.Gestalten.Leben.“ produziert. Wir hörten gemeinsam eine Folge und sprachen darüber, wie Rufbusse, Mobilität und Teilhabe im ländlichen Raum verbessert werdebkönnen.

Am Nachmittag besuchten wir das AAL-Labor des GAT-Instituts an der Hochschule Zittau/Görlitz: eine Musterwohnung mit Sensoren, die Stürze automatisch erkennen, Geräten, die an Termine und Medikamente erinnern, sowie smarten Licht- und Heizsystemen. Vorgestellt wurde uns das Ganze von Thomas Graf, Mitarbeiter der PFS Görlitz.

Letzte Station am Freitag waren die neuen Räumlichkeiten der PFS Görlitz, die sich aktuell noch im Aufbau befindet. Hier werteten wir die Tour gemeinsam aus und sammelten Ideen für die nächste Förderphase.

Wochenende: Görlitz und Zgorzelec beim Stadtfest

Der Abschluss der Tour fiel mit dem Stadtfest in Görlitz und Zgorzelec zusammen. Statt eines eigenen Abschlussprogramms ließen wir uns einfach in das Fest der beiden Städte hineintreiben – ein stimmungsvoller Ausklang nach einer intensiven Woche auf dem Rad.

Was bleibt?

Unsere Tour leistete „ko-kreativ“, was reine Erhebungen schwer hinbekommen: Sie bringt uns als Wissenschaft, Pflegepraxis, Verwaltung und Zivilgesellschaft eine Woche lang in Bewegung. Es entstehen Gespräche, die in keinem Interviewleitfaden stehen – beim gemeinsamen Nebeneinanderfahren, beim Abendessen, mitten im Wald oderauf der Bank vor dem Pflegezentrum. Es entsteht ein Bild der Region, das weder Idylle noch Abgesang ist: Kraftwerksruine und Oderauen, leerstehende Gebäude und sanierte, umgebaute Wohnprojekte für ältere Menschen. Um mit den Aktiven vor Ort weiter in Kontakt zu kommen, soll die Tour des guten Alterns in abgewandelter Form auch in den kommenden Jahren fortgesetzt werden.